„Es ist schwer, ein Gott zu sein“ Aleksei German – der Versuch einer Rezension / Analyse

OK ich versuch’s. Alles was ich hier schreibe ist natürlich meine eigene Meinung, welche keinen Anspruch darauf hat allgemeingültig zu sein. Ihr dürft das gern alles ganz anders sehen.

 

Wie bereits angedeutet habe ich letzte Woche den Film „Es ist schwer ein Gott zu sein“ gesehen.
Für diejenigen unter Euch, die den Film noch nicht gesehen haben, soll dies hier eine Ermunterung und Warnung zugleich sein. Ich wurde auch gewarnt, sogar gleich mehrfach von verschiedenen Seiten. Die Warnungen sind angebracht und doch auch wieder nicht.
Vorneweg, der Film ist brutal und verstörend. Aber – das muss so sein. Warum, das ist ne lange Geschichte. Wen’s interessiert, der darf gern 
Man kommt, wenn man über diesen Film reden will nicht darum herum, die frühere Verfilmung „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein“ von Peter Fleischmann zu erwähnen und sicher auch als Vergleich heran zu ziehen. Deshalb vorab ein paar Worte zu diesem Film. Auch dieser Film ist nicht einfach nur gut, sondern genauso auch sehr schlecht. Warum? Ich habe damals 1989 von diesem Film erfahren und musste den unbedingt sehen. DVDs bestellen wie heute ging damals noch nicht, also habe ich eine Bekannte gefragt, welche in einer Videothek arbeitete, und sie gebeten, den Film zu besorgen. Sie hat dies auch geschafft und ihn sich selbst angesehen. Sie meinte dann der Film ist langweilig, da wusste ich, er ist gut. Aber als ich ihn dann gesehen hab, war auch klar, dass er auch sehr schlecht ist. Das Problem ist, dass da meiner Meinung nach Leute einen Film gemacht haben, die das Buch nicht so richtig verstanden haben. Das mag vermessen sein, das so zu behaupten, aber es war eben mein Eindruck, als ich den Film gesehen habe. Das Thema der dem Film zugrundeliegenden Bücher ist philosophisch, mehrschichtig und sehr komplex. Im krassen Gegensatz dazu kommt die erste Verfilmung sehr klischeehaft hollywoodmäßig daher. Es ist ein bunter Reigen aus Mittelalter trifft Zukunft, als würde man „Der Name der Rose“ mit „Startrek“ kreuzen. Ein lustiges Gemetzel mit abgeschlagenen Köpfen wechselt mit romantischen Bettszenen um sich darauf über absurde Umwege wieder zur Philosophielehrstunde aufzuschwingen. Man hat den Eindruck, die hochgeistigen Dialoge waren fest vorgegeben und jemand, der thematisch leider sonst auch Disney-Verfilmungen verhaut, hat einen Film drumherum gebastelt. Dem Anspruch des Buches wird der Film nicht gerecht, auch wenn er sehr vereinfacht den Inhalt des Buches wiedergibt. Aber das kennt man ja von Verfilmungen und deshalb war das auch nicht so überraschend. Ich sehe den Film als misslungenen Versuch, etwas kommerziell Erfolgreiches zu machen und dennoch die Strugatzki-Brüder nicht völlig zu verärgern.

Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache ein Buch von Strugatzki zu lesen. Der Stoff ist schwer und man quält sich tagelang damit herum. Das ist frustrierend. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo man langsam begreift, und dann wird Strugatzki zur Sucht. Ich habe einen ganzen Schrank voll von diesen Büchern, die zu lesen einfach nur eine Quälerei ist. Ein paar davon gehören zusammen und spielen quasi im selben Kontext in derselben Umgebung, wenn auch in verschiedenen Jahrhunderten, und bilden die Grundlage für die beiden Filme. Keine Sorge, ich werde nicht versuchen Euch jetzt das Buch, welches zu den Filmen gehört, zu erzählen. Das ist eben auch ein wesentlicher Punkt an den Büchern von Strugatzki. Man kann die kaum nacherzählen, denn die eigentliche Story/Message ist sehr komplex und lässt sich kaum in adäquate Worte formen. Das ist auch der eigentliche Verdienst dieser Autoren, dass ihnen das trotzdem irgendwie gelingt. Als Vehikel um das hinzukriegen, benutzen sie eine Geschichte, welche sie um die Message drumherum bauen. Diese Geschichte erzählen sie dem gestressten Leser, der nun die Aufgabe hat, zwischen den Zeilen die Wahrheit zu entdecken. Eine nicht unbezwingbare Aufgabe, wenngleich ich zugebe, bei manchen Büchern mehr als einen Versuch oder Anlauf gebraucht zu haben. Ich fürchte ich habe sogar noch Bücher im Schrank, die ich ein weiteres mal (es könnte ein drittes oder viertes mal sein) lesen muss.

 

Und dann kommt da jemand und macht eine Strugatzki-Verfilmung. Klar, dass ich die sehen muss, trotz der Warnungen. Denn es schwingt ja immer die Hoffnung mit, dass es doch noch jemanden geben könnte, der diese Aufgabe so genial meistert, wie es seinerzeit Andrei Tarkowski mit seinem Film „Stalker“ geschafft hat. (Unnötig zu erwähnen, dass dies mein Lieblingsfilm ist oder?) Nun ist der, der die neue Verfilmung gemacht hat, ein Russe, wie Tarkowski es auch war und man hat so seine Vorstellungen wie so ein Film dann aussehen könnte. Vorab, man wird in dieser Beziehung nicht enttäuscht. Der besonderen Ästhetik der Tarkowski-Filme huldigt  Aleksey German mit seinem Werk. Eben jener Filmemacher ist der Urheber des neuen Werkes zu diesem komplexen Thema. Wie man leider feststellen muss, ist er noch vor der Vollendung des Films verstorben. Sein Sohn hat die Arbeiten später fortgeführt und nun zur Veröffentlichung gebracht, was uns die Chance gibt diesen Film nach 12 Jahren Produktionszeit nun doch noch zu sehen.

 

Und nun zum Film selbst. Der Film ist böse. Der Film ist Gewalt. Der Film ist Epos. Der Film ist unvollkommen.

Ja es gibt einige Sachen in dem Film, bei denen ich dem Aleksey gern mal gehörig die Leviten lesen würde, was aber leider nun nicht mehr geht.
Einiges an diesem Film ist wirklich schlecht. Als einfaches Beispiel: der Schlamm. – Ok, es ist Mittelalter dort und die Menschen sind vielleicht nach unseren Maßstäben unhygienisch, aber bitte, was soll das, dass dort immer und überall Schlamm ist? Ich sehe vollkommen ein, dass es in einem Film, in dem es nahezu ununterbrochen regnet, etwas dreckiger zugeht. Auch dass Wege, die mit Ochsenkarren befahren werden, sich bei Regen in Schlammlöcher verwandeln, ist durchaus nachvollziehbar. Aber was bitte soll das, dass auch innerhalb der Burg in den Wohnräumlichkeiten in allen Ecken Schlamm ist? Dieser notfalls sogar noch in praktischen Eimerchen für unterwegs mit rumsteht, für den Fall man wäre zu sauber? Und warum bitte müssen die Akteure auch noch ständig mit den Händen in diesem Schlamm herumwühlen, den hochheben und umherschmieren? Ist das ein besonderes künstlerisches Mittel, welches sich mir nicht erschließt? Eine Metapher auf den Abschaum der Menschheit? Oder durfte Aleksey in seiner Kindheit nicht oft genug im Dreck spielen? Ich fand das reichlich überzogen und auch an den Haaren herbei gezogen.

 

Die Kameraführung als solches erinnert zunächst sehr an Tarkowski. Man bemüht sich um lange Kamerafahrten, um imposante Bilder von ästhetischem Ausmaß. Und hin und wieder gelingt sogar eine gewisse Annäherung an die Atmosphäre vom Film „Andrej Rubljow“. Gerade dessen Anfangsszene in der Kneipe scheint konkret als Vorlage für die Optik des gesamten Films zu dienen. Man versucht also, Tarkovski’s Bildsprache nachzuempfinden. Stellenweise gelingt dies sehr gut und wirkt überzeugend und auch zum Thema des Films stimmig. Die Verträumtheit von „Nostalgiha“ wird in der allerletzten Szene zelebriert und wirkt auch da authentisch.

Aber an die Geschmeidigkeit und poetische Bildgestaltung eines „Stalker“ kommt man dennoch nicht heran.

Was diesen an sich guten optischen Ansatz zunichte macht ist die Hektik mit der die meisten Szenen gedreht wurden. Man stelle sich vor, ich mache eine lange Kamerafahrt quer durch eine mittelalterliche Szenerie, in der die Akteure gerade miteinander interagieren, und dabei springen ständig irgendwelche Nebendarsteller von links oder rechts ins Bild und fuchteln wild mit den Armen. Keiner weiß, warum sie fuchteln und dabei noch debil grinsen. Wenn ich ein ehrenwerter Don Rumata aus dem Hause Estorien wäre, würde ich mir das in meinen Räumlichkeiten verbitten. Ebenso die Tatsache, dass mein Knecht ständig meine Stiefel trägt, das würde der nur einmal versuchen! Diese ständige Hektik zerstört die ansonsten durchaus gelungene Ästhetik des Films auf sehr aufdringliche Weise.
Was ich mal sehr lobend herausstellen möchte ist (bis auf den albernen Schlamm) die Umsetzung des Themas Mittelalter. Die Ausstattung des Films ist exzellent. Die Jungs und Mädels in dem Film haben zum Glück Sachen an, die man so nicht auf unseren hiesigen Mittelaltermärkten trägt. Ja ich kann mir durchaus vorstellen, dass im wirklichen Mittelalter die Menschen durchaus so ausgesehen haben. Kleidung, Alltagsgegenstände, Räume, alles wirkt sehr gut konzipiert. Wobei ich gerade bei den Räumen wiederum fragen muss, warum hängt dort von jedem Regal vertrocknetes Moos herunter? Gehört das so? Hätten die nicht mal aufräumen können bevor das Filmteam kommt?

 

Dennoch ist der Film auf eine Weise groß, die mich überrascht hat.

Der Film ist anders, anders als alles was ich bisher gesehen habe. Und damit meine ich nicht, dass die Bilder verstörend sind oder die Darstellungen brutal oder sonst eine optische oder akustische Komponente. Der Film ist auf eine Art und Weise anders, die mich behaupten lässt, dass er ein Meilenstein in der Filmgeschichte werden wird. – Zwar noch nicht ist, denn es wird noch Jahre dauern, bis sich andere Regisseure wagen, das zu tun, was dieser Film versucht. Es wird dann bessere Filme geben die so sind, aber dieser eine wird der erste bleiben und das macht ihn zu etwas Beeindruckendem.

Mag sein, dass es diese anderen Filme bereits gibt und sie mir nur unbekannt sind, das kann ich nicht beurteilen, denn ich kenne ja nicht alle Filme dieser Welt. Aber für mich ist dies der erste Film, welcher etwas anders macht, etwas ganz wesentlich anders macht, so sehr, dass er vermutlich ewig in der Rubrik „der besondere Film“ in Kinos wie dem Clubkino Siegmar in Chemnitz laufen wird und leider niemals kommerziell erfolgreich sein kann. Doch was ist das nun, was den Film anders macht?

Ich versuch’s mal zu erklären. Kennt Ihr Grimm’s Märchen? Sicherlich, und jeder hat auch sofort Bilder vor Augen. Da ist die Hexe mit dem Pfefferkuchenhaus, da ist das Rotkäppchen im Wald, da sind die 7 Geißlein und eins versteckt sich im Uhrenkasten. Jeder kennt die Geschichten und jeder weiß, wie sowas aussehen kann. Zahllose Illustratoren habe die Motive aufgegriffen und in Bildern dargestellt. Und nun stellt Euch vor, so ein Grimm’s Märchenbuch mit solchen Illustrationen liegt vor Euch. Ihr schlag es irgendwo in der Mitte auf, seht auf einer Seite nur viel Text und auf der anderen ein Bild. Ein Euch unbekanntes Bild aus einem Märchen, welches nicht so bekannt ist. Ihr seht das Bild und habt keine Ahnung, worum es in dem Märchen geht. Und da ihr gerade keine Zeit habt, könnt Ihr auch nicht das ganze lange Märchen lesen, um das Bild zu verstehen, um es zuzuordnen. Was bleibt, ist eine Illustration zu einem unbekannten Märchen, zu einer unbekannten Geschichte, zu einem unbekannten Buch.
Und nun sind wir angekommen bei meinem Versuch diesen Film zu erklären. Der Film ist eine Illustration zum Buch der Strugatzkis. Der Film erzählt nicht wie alle anderen Filme ein komplettes Buch, gekürzt oder ungekürzt, nach. Er gibt nur Einblicke in eine mögliche optische und akustische Version dessen, wie das, was das Buch erzählt, aussehen könnte. Ohne die komplette Handlung aufzuzeigen, ohne die kompletten Dialoge wiederzugeben. Und das macht diesen Film für mich anders als hunderte Literaturverfilmungen. Es ist für mich der Beginn einer neuen Filmgattung: des Illustrationsfilms, welcher ohne das Buch vorher gelesen zu haben nicht funktionieren wird, nicht funktionieren kann, nicht funktionieren soll.

Er gibt Euch die Aufforderung mit das Buch zu lesen.

PS: Und eins vergebe ich Aleksey German nicht so schnell – Tarkowski’s Hund einfach sterben zu lassen ist eine Riesensauerei!